(Jubilate  = jubelt!)

Wochenspruch:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ | 2. Kor 5,17

Predigttext: Johannes 15, 1-8
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
 
Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde der Ev. Kirchengemeinde Otzenrath-Hochneukirch!
Wie ist es Ihnen mit dem Predigttext gegangen? Ich empfinde ihn wie eine warme Dusche. Er plätschert wie warmes Wasser angenehm über die Haut, was sich wohlig anfühlt, mich innerlich aber eigentlich nicht erreicht, eben nicht unter die Haut geht. Vielleicht liegt es daran, dass er so bekannt ist und Verse daraus so oft zitiert werden. Tausendmal gehört, tausendmal ist nichts passiert, viel mir spontan ein.
Vielleicht geht er tiefer unter die Haut, erreicht das Herz, wenn ich Sätze, Personen und Rollen auf uns wirken lasse.
„Ich bin der wahre Weinstock“, sagt Jesus. Jesus, der wahre Mensch, der Wanderprediger damals in Israel. Und ich versuche mich in ihn hinein zu versetzten. Ich als Jesus, der von sich sagt: “Ich bin der wahre Weinstock.“ Ich bin sozusagen das Ganze, die Pflanze selbst, der Weinstock und zwar der wahrhaftige.
Mir stockt sofort der Atem. Könnte ich das von mir sagen? Welch ein Selbstbewusstsein drückt sich darin aus. Bei Jesus nennt man das „Vollmacht“, voller Macht. 
Jesus sagt das so von sich. Und ich versuche, dieses Lebensgefühl genauer nachzuempfinden: Hier bin ich, ich stehe hier wie ein Weinstock, ich bin tief verwurzelt, weitflächig und stabil. So müssen meine Wurzeln auch sein, weil der Boden, in dem ich verwurzelt bin, nicht grade vom Feinsten ist. Da ist viel Schrott und Schutt drunter, viel Kaputtes und Unsauberes. Trotzdem stehe ich fest, kann genügend Kraft ziehen und habe es ansonsten warm und sonnig, werde gepflegt.
Ich spüre, wie ich Jesus um diese Lebenseinstellung beneide. So selbstbewusst könnte ich von mir nicht reden, mit mangelt es auch an innerer Zufriedenheit. Wer kennt das nicht auch von sich? Auch die Bodenbeschaffenheit, die Lebensumstände sind für mich nicht immer vom Feinsten. 
Da ist der gewaltige Unterschied zwischen mir und Jesus: Jesus geht kraftvoll und produktiv mit dem um, was er vorfindet. Der wahre Mensch ist trotz allem tief in Gott verwurzelt. Bei mit geht viel Kraft in meinem Hader verloren, dass alles so ist, wie es ist. Auch oder grade in dieser Krisenzeit. Zudem vergeude ich eine Menge Power dadurch, dass ich auf der Suche nach Orten bin, wo der Boden vielleicht besser sein könnte. 
„Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“
Wenn ich schon nicht der ganze, wahre Weinstock sein kann und will, mit Vollmacht, also voller Macht, fühle ich mich lieber in die Rolle der Rebe ein. Die Rebe als Frucht des Weinstocks, die mit ihm verbunden ist und aus ihm Kraft zieht wie die anderen Reben auch. In diese Rolle hinein zu schlüpfen, fällt mir wesentlich leichter. Und ich bin froh, dass ich in den Stürmen des Lebens nicht abgefallen bin von dem Weinstock, nicht verdorrt am Boden lag. Auch wenn es Zeiten gab, in denen ich mich durchaus so gefühlt habe, gab mir grade die Verbindung zu dem wahren Weinstock neue Kraft. Gott sei Dank wurde ich bisher immer wieder getragen und von dem Weinstock genährt. Den Glauben habe ich bisher immer wieder als tiefes Gefühl der Geborgenheit erlebt. Und wenn ich ehrlich bin, in die Rolle von Reben zu schlüpfen, macht mir grade richtig Spaß. Ich blicke auf meine Früchte und Fähigkeiten, die wachsen und reifen. Und vielleicht erlebe ich sogar mit, wie ich anderen damit eine Freude mache. Dass sie mich gut riechen können, dass es ihnen schmeckt, was ich hervor gebracht habe, Es gefällt mir, es tut gut, wenn ich mir und anderen eine Freude bin und eine Freude machen kann, das stärkt mein Gefühl, etwas wert zu sein. Darüber darf ich auch jubeln und danken.
Vielleicht ist dieser Predigttext etwas lebendiger geworden, als er von außen den Anschein hatte. 
Ich habe neu ins Gespür bekommen, wie wichtig es ist, mit der Quelle des Lebens, mit der Kraft Jesu, mit dem Geist und der Liebe Gottes in Verbindung zu sein. Ich habe das nicht immer selbst in der Hand. Deshalb bitte ich darum und wünsche Ihnen und mir, dass wir solche Reben sein dürfen, die Frucht bringen – um Gottes willen und um unserer selbst willen. Amen.
Ihr Pfarrer Andreas Buddenberg

Wochenlied:

 

Gebet:
Lebendiger Gott,
wir bitten dich für uns und für alle Menschen dieser Erde,
die erfahren müssen, wie es ist, sich von dir und der Welt verlassen zu fühlen.
Bitte, Gott, gib uns auch dann Zeichen deiner Nähe, deines Mitleidens, deiner Liebe zu uns.
Wir bitten dich für die Menschen, die sich in der Rolle der Reben wiederfinden, die keine Frucht bringen;
für Menschen, die unter brutalen und lieblosen Bedingungen aufwachsen;
für Menschen in den vielen Kriegsgebieten dieser Welt, die sich nicht den Luxus leisten können, zu überleben, wie sie Frucht bringen, sondern nur dafür kämpfen, die nächsten Minuten zu überleben;
für Menschen, die in dieser Krisenzeit nicht wissen, wie es weiter geht, die sich als Looser fühlen;
schenke ihnen, Gott, die Gewissheit, dass du bei ihnen bist, sie am Leben erhältst und ihnen deine Kraft gibst.
Wir bitten dich für alle, die sich von dir als der Quelle des Lebens entfernt haben, beschenke sie mit neuer Lebenskraft.
Lebendiger Gott, wir bitten dich um ein Leben, das wie fruchtbringende Reben an deinem Weinstock ist. Wir wünsche uns, mit deiner Kraft in deinem Sinne, Frucht zu bringen. Erfülle uns dazu mit deinem Geist und mit deiner Liebe. Amen.